Indigene europäische Kultur & Techno

Lange war mir nicht wirklich bewusst, dass wir hier in Europa ebenfalls indigene Wurzeln haben. Wenn wir von indigenen Kulturen sprechen, denken wir meist an Native Americans, an Südamerika, Asien oder Australien. Kaum jemand verbindet Europa mit dem Wort „indigen“. Dabei waren auch wir es einmal. Mit der Christianisierung, insbesondere um das Jahr 800 n.u.Z., zur Zeit Karls des Grossen, wurde unserer europäischen indigenen Kultur sehr gründlich ein Ende gesetzt. Alte Bräuche, Rituale und Lebensweisen wurden verdrängt, verboten oder ersetzt. Unsere Wurzeln wurden gekappt. Und das ist, historisch gesehen, gar nicht so lange her. Vieles ist in Vergessenheit geraten. Und doch fühlen wir Dinge. Diesen Satz habe ich einige Male gehört: „Als ich diese Trommel gehört habe, wurde mir ganz warm ums Herz. Ich war in einem früheren Leben bestimmt eine Native American!“ Vielleicht ist es ein Erinnern – nur nicht so, wie wir es gelernt haben.

Letzten Sommer war ich an einem Festival, tanzte zu Techno, spürte den tiefen Bass im Körper und plötzlich musste ich weinen – nicht aus Traurigkeit, sondern aus etwas Tieferem heraus. In diesem Moment wurde mir klar: Wenn ganze Generationen stundenlang, nächtelang zu wummernden Bassbeats tanzen, wie in Trance, dann hat das mit unseren Ahnen zu tun. Da klingt etwas an. Tief in unseren Körpern. Tief in unserer DNA.
Techno ist nicht nur Rhythmus und Rausch. Vielleicht ist es ein kollektives Erinnern, ein Wiederfinden von etwas, das uns genommen wurde: Die ekstatischen Tänze zu Trommeln, wild, frei, gemeinschaftlich. Tanz als Verbindung. Tanz als Übergang. Tanz als Ritual.

Vielleicht ist Techno Ausdruck von Freiheit, Selbstbestimmung und Diversität. Ein kollektiver kreativer Raum, in dem Menschen jenseits gesellschaftlicher Normen eigene Welten erschaffen, tanzen, sich verlieren – und wiederfinden. Ursprünglich in illegalen Kellern und Lagerhallen entstanden, wuchs Techno zu einer weltweiten Bewegung, oft getragen von Werten wie Toleranz, Gemeinschaft und Protest gegen gesellschaftliche Zwänge. Peace, Love, Unity.

Warum hält dieses Phänomen so lange an? Was, wenn wir im Techno nicht vor etwas fliehen – sondern uns erinnern? Was, wenn der Körper sich erinnert, bevor der Verstand es versteht? Natürlich ersetzt Techno nicht unsere vergangene indigene Kultur. Aber vielleicht öffnet er einen Zugang zu dem, was in uns weiterlebt, zu einem vertrauten Gefühl von Zugehörigkeit, Heimat und Verbundenheit, zu etwas Ursprünglichem, das uns einmal selbstverständlich war.

Vielleicht ist das exzessive Tanzen zu Bassbeats ein Versuch, Erinnerungen aufzuwecken, die in unseren Körpern gespeichert sind. Erinnerungen an eine Zeit, in der wir verbunden waren – mit der Erde, miteinander, mit dem Rhythmus des Lebens. Und vielleicht ist genau dieses Erinnern der Anfang von etwas Neuem.

Was, wenn diese Sehnsucht nach Freiheit, Ekstase und Gemeinschaft älter ist als jede Religion?