Als Kind war es so selbstverständlich: Alles ist verbunden, alles beseelt. Ich sprach mit Bäumen, Tieren, Steinen – und sie haben geantwortet, es war ein Zwiegespräch. Ich habe «Dinge» gesehen, nicht nur im Traum, auch im Wachzustand. Alles ist eins, und ich habe mich gehalten gefühlt in etwas Grösserem. Ich habe gespürt, dass Geschichten in uns wohnen, die nicht nur unsere eigenen sind. Dass Orte sprechen. Wann ist mir das alles abhandengekommen?
Das Leben macht, was das Leben eben macht. In meinem Fall sehr viel Schönes, ich war und bin ein Glückskind. Und dennoch: Familie, Job, Verpflichtungen. Unbemerkt entfernt man sich mehr und mehr, funktioniert, rotiert, in der Gesellschaft, im vorgegebenen Rahmen, im (zivilisierten) System – bis es fast zum Burnout kommt…
Ich fühlte mich schwerelos, abgekoppelt von meinem Körper, nicht mehr zu Hause in mir. Ich habe vieles hinterfragt, mich geschämt, selber angeklagt, fühlte Trauer, die ich nicht einordnen konnte.
Was mir wieder Bodenhaftung gegeben hat, war die Verbindung mit den gegebenen Rhythmen der Natur, dem Einlassen auf den ewigen Kreislauf, den Jahreskreis – und damit die Rückverbindung zu uralten Geschichten, Mythen, Ritualen und der europäischen indigenen Kultur, meinen Wurzeln. Ich habe wieder gefühlt, dass alles verbunden ist. Ich bin nicht allein. Es gibt, eingebettet im grossen Ganzen, auch meine Ahnen, meine Linie – und die ist eine unermessliche Kraftquelle.
Ahnenarbeit war mein Aha-Moment.
Was ich mit der Ahnenarbeit erkannt habe; Wir tragen nicht nur unsere eigenen Erfahrungen in uns, wir tragen ungelöste Geschichten und Gefühle weiter – oft ohne es zu wissen. Dies zeigt sich in wiederkehrenden Themen, in Verhaltensmustern, in Körpersymptomen, diffusen Gefühlen von Schwere oder innerem Druck. In Trauer, Wut, Angst, Schuld, Scham.
Ahnenarbeit bedeutet für mich nicht, in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Im Gegenteil. Es geht darum, dorthin zu schauen, wo etwas begonnen hat – um im Hier und Jetzt freier zu werden. Es geht nicht um Selbstoptimierung, es geht nicht darum, «besser» zu werden. Es geht darum zu lösen, was nicht länger weitergetragen werden muss.
Ahnenarbeit betrifft uns alle. Weil wir alle Menschen haben, die vor uns hier waren, die gelebt und erlebt – und uns geprägt haben, weil wir alle Teil einer Linie sind. Weil nichts isoliert entsteht. Und weil das, was wir in uns lösen nicht bei uns endet. Wenn wir Verantwortung übernehmen für das, was wir weitertragen und für das, was wir bewusst beenden, verändert sich etwas. In uns. In unseren Beziehungen. Und im grösseren Feld, das uns verbindet.
Für mich ist Ahnenarbeit deshalb keine Rückwärtsbewegung. Sie ist eine leise, klare Form von Zukunftsarbeit. Friedensarbeit. Vielleicht eine heimliche Revolution.
